Anna Bolena – Gaetano Donizetti
Tragische Oper in zwei Akten
Libretto von Felice Romani
Orchester und Chor des Teatro alla Scala
Neuproduktion des Teatro alla Scala
Die Begegnung zwischen den Atmosphären der europäischen Romantik und der Sprache des italienischen Belcanto brachte ein außerordentlich reiches Werk hervor, dessen Höhepunkt zweifellos Gaetano Donizettis sogenannte „Tudor-Trilogie“ ist. Historische Ereignisse und sentimentale Intrigen werden vom Komponisten und seinem Librettisten Felice Romani mit poetischer Kraft und unfehlbarer dramatischer Wirkung behandelt und schaffen unvergessliche weibliche Figuren, die für die großen Protagonisten der Bühne bestimmt sind. Heute lässt La Scala den Titel nach den großen Produktionen der Vergangenheit wieder aufleben und verpflichtet Künstler mit ausgewiesener Erfahrung in der italienischen Oper wie den Dirigenten Francesco Ivan Ciampa, der sein Debüt gibt, sowie die Regisseurin Chiara Muti. Die großartigen Hauptrollen sind Vasilisa Berzhanskaya, Roberto Tagliavini und Juan Diego Flórez anvertraut.
Handlung
Vorgeschichte
Die Oper spielt 1536 in England, drei Jahre nachdem König Enrico VIII seine zweite Gemahlin Anna Bolena geheiratet hat. In der Oper erfahren wir, dass Anna eigentlich Lord Percy liebte, der jedoch von Enrico aus England verbannt wurde, um ihn aus Annas Nähe zu entfernen. Anna gab daraufhin ihrer Sucht nach Ehre und Ruhm an der Seite des Herrschers von England nach und heiratete den König.
Mittlerweile ist Enrico ihrer bereits überdrüssig und stattdessen leidenschaftlich in Annas Hofdame und Vertraute Giovanna Seymour verliebt.
Erster Akt
Szene 1
Im Schloss Windsor warten die Höflinge auf die Ankunft des Königs. Sie ahnen, dass der König eine neue Geliebte hat, und tuscheln mitleidig über Königin Annas bevorstehenden Fall. Giovanna Seymour selber wird von einem schlechten Gewissen geplagt.
Als Anna erscheint, wundert sie sich über die traurige Atmosphäre und bittet den Pagen Smeton, die Stimmung der Höflinge und ihre eigene Melancholie mit einem Lied aufzuheitern. Doch als Smeton, der selber heimlich in Anna verliebt ist, sich in seinem Ständchen in dunklen Anspielungen von „erster Liebe“ ergeht, unterbricht ihn die Königin beunruhigt. Heimlich trauert sie ihrer früheren, innig empfundenen Liebe zu Lord Percy nach. In einer Unterredung mit Giovanna gesteht Anna, wie unglücklich und einsam sie sich in ihrer Ehe fühlt, und beschwört ihre Hofdame, sich nie vom Glanz eines königlichen Throns verführen zu lassen.
Giovanna bleibt allein und mit schlechtem Gewissen zurück. Sie hat Angst, die Königin könnte erfahren, dass sie selber deren Nebenbuhlerin ist. Da sie außerdem um ihren guten Ruf fürchtet, bittet sie den König bei dessen Erscheinen, das Verhältnis mit ihr zu lösen. Dieser aber interpretiert den Wunsch seiner Geliebten völlig falsch. Er glaubt, Giovanna wolle Königin werden. Das bestärkt ihn darin, sich so bald wie möglich von seiner verhassten Frau zu trennen.
Szene 2
Der König betreibt ein schändliches Spiel: um seine Gattin des Ehebruchs überführen zu können, holt er den verbannten Lord Percy aus dessen Exil in die Heimat zurück. Im Schlosspark trifft dieser auf den völlig überraschten Lord Rochefort, Annas Bruder. Percy gesteht diesem, wie unglücklich er fern von England war und dass er Anna nie vergessen habe. Rochefort warnt ihn.
Enrico und Anna erscheinen inmitten einer Jagdgesellschaft, und als die ahnungslose Königin ihren ehemaligen Geliebten erblickt, ist sie hochgradig verwirrt. Enrico lädt Percy scheinheilig ein, bei Hofe zu bleiben.
Szene 3
In einem Vorraum zu den Gemächern der Königin. Der Page Smeton, als glühender Verehrer Annas, hat ihr vor kurzem ein Miniaturporträt entwendet. Jetzt aber bereut er seine Tat, und nachdem er das Bildnis ein letztes Mal geküsst hat, will er es an seinen ursprünglichen Platz zurückbringen. Dabei wird er durch die plötzliche Ankunft Annas und ihres Bruders Rochefort unterbrochen; schnell flüchtet Smeton hinter einen Vorhang, von wo aus er das weitere Geschehen verfolgen kann.
Obwohl Anna stark beunruhigt ist über Rocheforts Bitte, Percy in einer potentiell kompromittierenden Privataudienz zu empfangen, lässt sie diesen ein letztes Mal kommen. Als Percy bekennt, dass die Glut seiner Liebe zu ihr nie erloschen sei, gesteht sie ihm zwar, dass sie in ihrer Ehe und in ihrem Status als Königin todunglücklich sei, fordert ihn jedoch entschieden auf zu gehen: er solle möglichst weit weg, im Ausland, sein Glück mit einer anderen Frau suchen und dürfe sie nie mehr wiedersehen. Percy ist danach so verzweifelt, dass er sich mit dem Schwert töten will. Smeton hinter dem Vorhang missversteht die Lage: Er glaubt, Percy wolle Anna umbringen. Schnell tritt er aus seinem Versteck hervor, um die Königin vor dem vermeintlichen Angriff zu schützen. Just in diesem Moment rückt der König auf den Plan. Zitternd lässt der Page Annas Bild aus seinem Wams fallen. Dies liefert dem König den ersehnten „Beweis“, dass ihn seine Frau nicht nur mit Percy, sondern auch noch mit ihrem Pagen betrügt. Entgegen Annas Protesten und Bitten lässt er alle drei und Rochefort festnehmen.
Zweiter Akt
Szene 1
In dem Raum, in dem sie gefangen gehalten wird, macht sich Anna keine falschen Hoffnungen mehr: sie weiß, dass ihr Schicksal besiegelt ist. Als der König durch Hervey auch noch ihre Hofdamen entfernen lässt, kniet sie zu einem Gebet nieder. Da kommt Giovanna und empfiehlt ihrer Herrin (offenbar unter dem Einfluss des Königs), sich schuldig zu bekennen, um sich vor der Hinrichtung zu bewahren; einen anderen Ausweg gebe es nicht. Anna ist darüber höchst befremdet und lehnt eine solch entehrende Lüge ab, und als Giovanna Enricos Geliebte erwähnt, fragt sie nach deren Namen. Doch als Giovanna ausweichend nur von „einer Unglücklichen“ spricht, gerät Anna in Rage und verflucht diese in höchster Empörung, Schmerz und Abscheu. Doch durch Giovannas wachsendes Entsetzen wird der Königin schließlich bewusst, dass diese selber ihre Rivalin ist. Anna fällt aus allen Wolken und ist völlig außer sich über diese Entdeckung; doch dann weicht ihr Empfinden einem vergebenden Mitleid: nicht Giovanna sei die wahre Schuldige, sondern ihr Verführer, der König.
Szene 2
Im Ratssaal der Peers tagt das Tribunal. Um die von ihm Angebetete zu retten, sagt der Page – angestiftet vom König – die Unwahrheit und bekennt sich schuldig. Anschließend erhebt der König Klage gegen seine Frau und gegen Lord Percy. Dieser ist so verzweifelt und zugleich trotzig, dass er behauptet, Anna sei eigentlich seine eigene rechtmäßige Gemahlin und ihre Ehe mit Enrico daher ungültig. Anna fällt über diesen Eklat beinahe in Ohnmacht, erkennt aber die gute Absicht und ist darüber bezaubert. Der empörte König lässt die beiden abführen.
Giovanna unternimmt einen letzten Versuch, Annas Leben zu retten. Als Hervey das Todesurteil bringt, bitten auch die Hofdamen und Edelleute um Milde. Giovanna fleht den König nochmals inbrünstig an, seine Frau zu schonen; aber dieser bleibt hart.
Szene 3
In den Kerkern des Towers in London. Lord Percy und Rochefort sind zum Tode verurteilt, aber Hervey bringt ihnen die Nachricht, dass der König sie begnadige. Doch als sie erfahren, dass Anna selber nicht geschont werden wird, lehnen sie in ehrenvoller Loyalität zu ihr ab und sind bereit zu sterben.
Die Hofdamen sind vor der Exekution voller Mitleid für Anna. Als diese erscheint, zeigt sich, dass sie den Verstand verloren hat: mit widerstreitenden Gefühlen wähnt sie sich an ihrem Hochzeitstag mit Enrico und erlebt noch einmal die Zeit ihrer ersten großen Liebe mit Percy. Aus ihrem Delirium erwacht sie nur kurzfristig, als die anderen Verurteilten hereingebracht werden. Sie kniet zu einem innigen Gebet nieder, wird aber durch fröhliche Klänge und Böllerschüsse wieder in die Realität geholt und muss erfahren, dass Enrico im selben Moment mit Giovanna Hochzeit feiert. Anna fleht zu Gott, er möge dem sündigen Paar vergeben. Am Ende werden alle Verurteilten dem Henker zugeführt.